Theophrast und der Beginn des Archereferats von Simplikios Physikkommentar, 1989
By: Wiesner, Jürgen
Title Theophrast und der Beginn des Archereferats von Simplikios Physikkommentar
Type Article
Language German
Date 1989
Journal Hermes
Volume 117
Issue 3
Pages 288-303
Categories no categories
Author(s) Wiesner, Jürgen
Editor(s)
Translator(s)
Für die Tradierung der umstrittenen Xenophanes-Prädikate ergibt sich also folgendes Bild: Theophrasts Urteil, dass Xenophanes sein Prinzip weder eindeutig als begrenzt noch unbegrenzt, weder eindeutig als bewegt noch unbewegt benannt habe, schließt referierende Einzelangaben über diese uneinheitlichen Lehrmeinungen des Kolophoniers nicht aus. Das negative „οὔτε-οὔτε“-Urteil Theophrasts ist in der Vorlage von MXG und Simplikios (In Phys. 22,30–23,9) später missverstanden worden: Für den dort vorliegenden positiven „οὔτε-οὔτε“-Ausschluss (das Prinzip sei weder begrenzt noch unbegrenzt, weder bewegt noch unbewegt) wurde eine auf späteren Konzepten beruhende Begründung hinzugefügt. Simplikios hat sich von der Quelle, die ihm und MXG vorlag, irreführen lassen und die äußerlich gleichlautende Auskunft Theophrasts, die er In Phys. 22,26 zitiert, in ihrem wahren Gehalt verkannt. Daher hat er die Argumentation, die aus der mit MXG gemeinsamen Quelle stammt und die gar nicht zu Theophrasts negativem Urteil passt, ab 22,31 folgen lassen. Die Lehrmeinung vom begrenzten, kugeligen Gott gelangte von Theophrast in die Doxographie und zu Alexander. Auch Simplikios kennt eine solche Konzeption aus dem Eresier (In Phys. 28,4 ff.). Er unternimmt eine Harmonisierung des „begrenzt“ mit der „οὔτε-οὔτε“-Bestimmung (29,7 ff.). Da er bei Theophrast sowohl die (von ihm fälschlich als positiver Ausschluss verstandene) „οὔτε-οὔτε“-Bestimmung als auch das einfache Prädikat „begrenzt“ las, könnte er sogar durch den Eresier zu seiner Harmonisierung angeregt worden sein. [conclusion p. 302-303]

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By: Wiesner, Jürgen
Title Theophrast und der Beginn des Archereferats von Simplikios Physikkommentar
Type Article
Language German
Date 1989
Journal Hermes
Volume 117
Issue 3
Pages 288-303
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Author(s) Wiesner, Jürgen
Editor(s)
Translator(s)
Für die Tradierung der umstrittenen Xenophanes-Prädikate ergibt sich also folgendes Bild:

    Theophrasts Urteil, dass Xenophanes sein Prinzip weder eindeutig als begrenzt noch unbegrenzt, weder eindeutig als bewegt noch unbewegt benannt habe, schließt referierende Einzelangaben über diese uneinheitlichen Lehrmeinungen des Kolophoniers nicht aus.

    Das negative „οὔτε-οὔτε“-Urteil Theophrasts ist in der Vorlage von MXG und Simplikios (In Phys. 22,30–23,9) später missverstanden worden: Für den dort vorliegenden positiven „οὔτε-οὔτε“-Ausschluss (das Prinzip sei weder begrenzt noch unbegrenzt, weder bewegt noch unbewegt) wurde eine auf späteren Konzepten beruhende Begründung hinzugefügt.

    Simplikios hat sich von der Quelle, die ihm und MXG vorlag, irreführen lassen und die äußerlich gleichlautende Auskunft Theophrasts, die er In Phys. 22,26 zitiert, in ihrem wahren Gehalt verkannt. Daher hat er die Argumentation, die aus der mit MXG gemeinsamen Quelle stammt und die gar nicht zu Theophrasts negativem Urteil passt, ab 22,31 folgen lassen.

    Die Lehrmeinung vom begrenzten, kugeligen Gott gelangte von Theophrast in die Doxographie und zu Alexander. Auch Simplikios kennt eine solche Konzeption aus dem Eresier (In Phys. 28,4 ff.). Er unternimmt eine Harmonisierung des „begrenzt“ mit der „οὔτε-οὔτε“-Bestimmung (29,7 ff.). Da er bei Theophrast sowohl die (von ihm fälschlich als positiver Ausschluss verstandene) „οὔτε-οὔτε“-Bestimmung als auch das einfache Prädikat „begrenzt“ las, könnte er sogar durch den Eresier zu seiner Harmonisierung angeregt worden sein. [conclusion p. 302-303]

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