Die Widerlegung des Manichäismus im Epiktetkommentar des Simplikios, 1969
By: Hadot, Ilsetraut
Title Die Widerlegung des Manichäismus im Epiktetkommentar des Simplikios
Type Article
Language German
Date 1969
Journal Archiv fur Geschichte der Philosophie
Volume 51
Issue 1
Pages 31-57
Categories no categories
Author(s) Hadot, Ilsetraut
Editor(s)
Translator(s)
Wir haben gesehen, dass Simplikios seiner kurzen Abhandlung über den Manichäismus einen durchaus kunstvollen Aufbau zu geben wusste. Obwohl sie in den großen Zusammenhang seines Epiktetkommentars eingebaut ist, bildet sie doch in sich ein abgerundetes Ganzes. Was die Art seiner Argumentation betrifft, so findet sich in ihr wohl kaum ein Gedanke, der sich nicht schon so oder ähnlich bei Alexander von Lykopolis, Titus von Bostra, Epiphanios oder Augustinus ausgedrückt fände. Das soll natürlich nicht unbedingt heißen, dass Simplikios einen von diesen Schriftstellern direkt benutzt hätte; vielmehr ist damit zu rechnen, dass sich sehr bald ein festes Schema antimanichäischer Polemik herausgebildet hatte – etwa so, wie es in hellenistischer Zeit bestimmte Argumentationsschemata gab, die zum Gemeingut der philosophischen Widerlegung von Epikureern und Stoikern geworden waren. Besondere Aufmerksamkeit verdient die kleine Abhandlung des Simplikios eher dadurch, dass sie Anspielungen auf Lehren der Manichäer enthält, deren Hintergrund, soweit ich sehe, bis heute nicht genügend erhellt ist. In welcher Umgebung hat man den manichäischen Weisen zu suchen, dem Simplikios seine Information über die manichäische Kosmogonie verdankt? Stammte diese Bekanntschaft aus der Zeit seiner Studien in Alexandrien, oder hatte Simplikios mit dem Manichäer anlässlich seines Aufenthaltes in Persien bei dem philosophisch interessierten König Chosrau sprechen können, der ja für seine Diskussionsveranstaltungen – unter anderem über die Frage, ob man ein oder zwei Prinzipien aller Dinge anzunehmen habe – bekannt war? Wie Prächter aus philosophisch-dogmatischen Gründen auf eine frühe, d. h. vor der Übersiedlung des Simplikios nach Athen gelegene Entstehungszeit des Epiktetkommentars schließt, besteht meines Erachtens kein Grund, da keineswegs wichtige Differenzen zwischen dem Neuplatonismus des Epiktetkommentars und dem der athenischen Schule bestehen. Im Gegenteil, stellenweise ist ein starker Einfluss des Proklos nachzuweisen. Aus der Bemerkung des Simplikios, dass ihm die Gelegenheit, Epiktet zu kommentieren, unter den gegenwärtigen Zeitumständen sehr willkommen gewesen sei, glaube ich eher auf eine nach dem Edikt Justinians gelegene Entstehungszeit schließen zu dürfen. Eine Begegnung mit manichäischen Lehren im asiatischen Bereich und deren Aufnahme in den Kommentar lagen somit immerhin im Bereich des Möglichen. Das Anliegen des vorliegenden Aufsatzes ist es daher, diese teilweise aus den textlichen Veränderungen noch deutlicher hervortretenden Probleme, auf die ich im Zusammenhang mit den Arbeiten zu einer Neuausgabe des Epiktetkommentars gestoßen bin, wieder einmal aufzuwerfen und, wenn möglich, dem Interesse der Fachleute dieses so schwierigen Gebietes zu empfehlen. [conclusion p. 56-57]

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Besondere Aufmerksamkeit verdient die kleine Abhandlung des Simplikios eher dadurch, dass sie Anspielungen auf Lehren der Manichäer enthält, deren Hintergrund, soweit ich sehe, bis heute nicht genügend erhellt ist. In welcher Umgebung hat man den manichäischen Weisen zu suchen, dem Simplikios seine Information über die manichäische Kosmogonie verdankt? Stammte diese Bekanntschaft aus der Zeit seiner Studien in Alexandrien, oder hatte Simplikios mit dem Manichäer anlässlich seines Aufenthaltes in Persien bei dem philosophisch interessierten König Chosrau sprechen können, der ja für seine Diskussionsveranstaltungen – unter anderem über die Frage, ob man ein oder zwei Prinzipien aller Dinge anzunehmen habe – bekannt war?

Wie Prächter aus philosophisch-dogmatischen Gründen auf eine frühe, d. h. vor der Übersiedlung des Simplikios nach Athen gelegene Entstehungszeit des Epiktetkommentars schließt, besteht meines Erachtens kein Grund, da keineswegs wichtige Differenzen zwischen dem Neuplatonismus des Epiktetkommentars und dem der athenischen Schule bestehen. Im Gegenteil, stellenweise ist ein starker Einfluss des Proklos nachzuweisen. Aus der Bemerkung des Simplikios, dass ihm die Gelegenheit, Epiktet zu kommentieren, unter den gegenwärtigen Zeitumständen sehr willkommen gewesen sei, glaube ich eher auf eine nach dem Edikt Justinians gelegene Entstehungszeit schließen zu dürfen. Eine Begegnung mit manichäischen Lehren im asiatischen Bereich und deren Aufnahme in den Kommentar lagen somit immerhin im Bereich des Möglichen.

Das Anliegen des vorliegenden Aufsatzes ist es daher, diese teilweise aus den textlichen Veränderungen noch deutlicher hervortretenden Probleme, auf die ich im Zusammenhang mit den Arbeiten zu einer Neuausgabe des Epiktetkommentars gestoßen bin, wieder einmal aufzuwerfen und, wenn möglich, dem Interesse der Fachleute dieses so schwierigen Gebietes zu empfehlen. [conclusion p. 56-57]

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