Title | Den Autoren über die Schulter geschaut. Arbeitsweise und Autographie bei den antiken Schriftstellern |
Type | Article |
Language | German |
Date | 1991 |
Journal | Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik |
Volume | 87 |
Pages | 11–33 |
Categories | no categories |
Author(s) | Dorandi, Tiziano |
Editor(s) | |
Translator(s) |
Fassen wir die Ergebnisse unserer Überlegungen noch einmal zusammen: Man darf annehmen, dass die Abfassung eines antiken literarischen Werkes zumindest zwei Phasen durchlief (von denen die erste komplexer und nicht immer bei allen Autoren gleichartig war). 1a. Die erste Phase konnte in der Ausarbeitung von Konzepten bestehen, denen eine Sammlung von Exzerpten vorausgegangen sein mochte, welche aus kurzen Notizen bestanden, die wahrscheinlich auf Wachs- bzw. Holztäfelchen (pugillares) geschrieben waren. 1b. Sie konnte auch in der Anfertigung von ὑπομνηματικά (hypomnêmatika) bestehen, der provisorischen Fassung eines Buches, wobei das Rohmaterial größtenteils überarbeitet und geordnet war, aber noch nicht die letzte stilistische Verfeinerung erhalten hatte. Es folgte die endgültige Redaktion, die Reinschrift des Werkes (ὑπόμνημα (hypomnêma), σύνταγμα (syntagma) usw.), welche meist die tatsächliche ἔκδοσις (ekdosis) einleitete. Unter ἔκδοσις (ekdosis) verstehe ich, im Anschluss an van Groningen, die Ausarbeitung eines Werkes, die ein Schriftsteller als abgeschlossen ansah und mit allen Risiken herausgab (ἐκδιδόναι (ekdidonai)), die eine Veröffentlichung mit sich brachte, da die antike Gesellschaft ja kein Urheberrecht im modernen Sinne kannte. Die von mir untersuchten und angeführten Zeugnisse bezogen sich vor allem auf Prosaschriften enzyklopädischen (Plinius) oder philosophisch-wissenschaftlichen Charakters (Philodem, die Aristoteleskommentatoren, Galen); freilich scheinen im Bereich der Dichtung das Beispiel des Vergil und des Horaz sowie die Papyri eine ähnliche Arbeitsweise zu bestätigen. Meine Beobachtungen können und dürfen nicht verallgemeinert werden: Es läge meinen Absichten fern, ein und dieselbe, allen Autoren und literarischen Gattungen gemeinsame, in der gesamten Geschichte der griechischen und lateinischen Literatur gleichartige Arbeitsweise zu postulieren.[conclusion p. 32-33] |
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Author(s) | Dorandi, Tiziano |
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